Leseprobe Neuzeit

Eine Art Einleitung

„Le seul moyen de supporter l'existence c'est de s'étourdir dans la littérature comme dans une orgie perpetuelle. Le vin de l' Art cause une

longue ivresse et il est inépuisable. C'est de penser à soi qui rend malheureux.“

Gustave Flaubert.

 

„Ubicumque homo est, ibi benefici locus est.“

Lucius Annaeus Seneca, Berater Neros.

 

„ Das 21. Jahrhundert wird geistig sein – oder es wird nicht sein“.

André Malraux

 

In Rente gehen ist wie ein Virus, ein Schwebestoff, unding. Es macht Angst - oder frei; je nach dem, ob die Person befindlich oder unbefindlich ist. Das Virus sucht das Befindliche, welches, als Proteine, seine Nahrung bildet. Indem es Proteine frisst, schürt es Angst. Sie macht zuerst die Seele, dann den Körper krank.

Paul Manar, um den es hier geht, erzeugt in sich Proteine, die dem Renten Virus nicht schmecken. Es besetzt ihn nicht. „Ich bin frei“, ruft er seiner Frau Marie an dem Tag zu, als er in Rente geht. Was tun ? Paul überlegt. Es fällt ihm Lenins Traktat gleichen Namens ein, 1902, das

den Weltlauf in Aufruhr versetzt hat. Lenin hat Namen und Ideen von seinem Landsmann Tschernyschewski geborgt. Sein Roman „ Was tun ?“, 1863, hat Russland mehr aufgewühlt als Lenin 40 Jahre später. Anders als Lenin gibt Tschernyschewski einen - sanftmütigen - Rat. „ Erkenne dein Potential, verändere die Welt, mache sie human, menschengerecht“. Diesen Rat, den Lenins Nachfolger missachtet haben, hat Paul in seinem Berufsleben als Diplomat befolgt. Was wirst du tun ? fragt Marie. 12„ Wir werden leben, wie das Leben ist, nicht wie es sein sollte“, sagt Paul„ Die Neuzeit beginnt“. Er überlegt. „ Wie wäre es mit Sidney, New York, San Francisco“ ? Marie ist begeistert. „So weit weg wie möglich“. Paul und Marie verkaufen ihr Haus in Wien, das Sommerhaus am See. Paul geht ein Monat früher in Rente als beabsichtigt. Er übergibt die Botschaft seiner Nachfolgerin. Sie drängt nach Riga. Ihre Tochter muss zu Schulbeginn dort sein.

Die beiden reisen nicht sofort aus Riga ab. Sie übersiedeln von ihrer Residenz ins Nachbarhaus, die Residenz des Botschafters von Portugal und seiner Frau, ihren Freunden. Marie hat ihn verpflegt, als er im grossen Haus allein gelebt hat. Paul schreibt nach Sidney an eine Schule, ob sie einen Lehrer brauchen. Die Antwort ist: Kommen sie vorbei, wenn sie einmal in Sidney sind. Er bewirbt sich für Angebote im „Economist“, bis er versteht, es sind Alibi Angebote. Der Bewerber steht bereits fest. Marie und Paul erleben die ersten Tage der Neuzeit als Gäste, mit Blick auf ihr ehemaliges Haus, welches ihnen einsam erscheint. Nach zwei Wochen reisen sie, offiziell verabschiedet, aus Riga ab. München ist die erste Station. Freunde haben sie eingeladen, um eine Wohnung anzubieten. Sie ist zu gross und zu teuer. In München wird ihnen ihr Zustand bewusst: wir sind Rentner, ohne Bleibe aber ohne unding. Die zweite Station ist Salzburg. Dort leben sie einige Tage bei Pauls Schwester. Sein Schwager, der an der Börse spekuliert, verträgt ihre Gegenwart nicht.Sie mieten eine Wohnung auf einem Bergbauernhof im Flachgau. Dritte Station. Nach einem Jahr am Hof, halbherziger Wohnungssuche in Salzburg, macht Marie einen beherzten Vorschlag: Gehen wir auf den Jakobsweg. Santiago di Compostela. Paul ist begeistert. Sie verlassen den Hof. Mit einem BMW Sechs Zylinder, den ihnen die Freunde in München - beinahe - geschenkt haben,fahren sie nach Nordspanien. In Bilbao kommt ihnen die Tochter entgegen. Sie hat ein Erasmus Stipendium in La Coruna; übernimmt den 13 Sechszylinder. Paul und Marie machen sich auf den Weg. El Camino del Norte. Einen Monat später kommen sie um Mitternacht vor der Puerta del Paraiso an. Santiago di Compostela ist die vierte Station. Über ihren Weg hat Paul ein Buch geschrieben, das in einer Schublade liegt. Manuskript. Der Weltlauf verläuft langsamer als der Weg zu den vier Stationen. Was ihn kennzeichnet ist ein Vorschlag Maries. Sie äussert ihn, nach Ende des Jakobsweges, während der Rückfahrt durch Südfrankreich, auf der Autobahn bei Brignolles.„ Darunter liegt Brégancon“, sagt Marie. „ Am Meer. Dort haben wir zwanzig Sommer mit den Kindern verbracht. Das Paradies. Siedeln wir

uns doch dort an ?“ Paul zögert einen Augenblick, dann sagt er „Ja, warum nicht ? “.Gesagt, getan. Kaum zurück in Salzburg sprechen sie mit den Kindern über Maries Vorschlag. Die Kinder ermutigen die Eltern. Sie machen

kehrt, fahren im Sechszylinder geradewegs nach Hyères Les Palmiers, die nächste grössere Stadt bei Brégancon. Innerhalb von drei Tagen finden sie ihre Wohnung. Costebelle. Fünfte Station. Der Zufall begünstigt einen vorbereiteten Verstand. Pascal. Sie richten sie mit ihren alten Möbeln ein, die ihr Spediteur auf dem Weg nach Marseille aus Wien vorbei bringt. Von der Terrasse sehen sie links ein

Stück Stadt mit der Collégiale St Paul; rechts, auf dem Hügel Notre Dame de Consolation; dazwischen durch die Pinien hindurch ein Strich Meer, blau, glitzernd grau oder unsichtbar, je nach Bewölkung. Paul und Marie werden sesshaft. Zum ersten Mal in ihrem gemeinsamen Leben. Sie haben sich selbst ins Ausland versetzt. Die Franzosen sind sprachlos. Sie verstehen nicht, wie man ein schönes, stabiles für ein nicht regierbares Land verlassen und dort sesshaft werden kann. Innerhalb dieser Sesshaftigkeit bewegt sich Paul. Marie lässt ihn gewähren. Ein Strassenmensch wartet auf ihn. Wie sich Paul bewegt, wem er begegnet, was er erlebt, ob er sich an

Tschernyschewskis Rat hält, beschreiben die folgenden 78 Erzählungen. Sie geschehen im Verlauf eines Jahres, in einer Welt, in der Menschen wohl Sorgen haben aber noch keine Angst. Die Weltangst, die ein Schwebestoff, ein unding wecken wird, schläft noch.

 

Gesetz der Anziehung

Paul rennt, frühstückt mit Marie, begegnet Nachbarn, dem Lehrer, der Buchhändlerin, dem Energie Auflader, den jungen Bettlern. Er stösst mit einer weißen Erscheinung zusammen. Er überlegt. Die Nachbarn von nebenan wünschen Paul und Marie ein spannendes Jahr.Sie lachen. Es ist noch nichts passiert, überlegt Paul, als er sich die Laufschuhe anzieht. Er ruft ins Schlafzimmer, „ Marie, ich gehe.“

„Endlich. In einer Stunde musst du zurück sein.“ Paul rennt los, spürt die Schritte unter den Sohlen. Beim Fliegerdenkmal am Hügel bleibt er stehen. Die Sohlen sind heiß. Das Meer ist in der Westbucht von Almanarre spiegelglatt. In der Ost Bucht von Pesquier, vor den goldenen Inseln, Les Iles d'Or, trägt es Schaumkronen. Kein Schiff ist zu sehen, kein Auto zu hören. Niemand ist unterwegs. Paul rennt weiter, den Waldweg hinunter zum Strand Port Hélène, der windgeschützt ist. Warm strahlt die Sonne, wärmer als in den vergangenen

Jahren. Paul tastet ins Wasser. 13, 14 Grad, schätzt er, watet auf dem Algenteppich. Er taucht unter und schwimmt – drei Sekunden. Starkes Neujahr.

Er winkt dem Lehrer zu, der sich jeden schulfreien Mittwoch und sonntags neben seinem alten Rennrad hier sonnt, wo niemand ihn kennt, außerPaul. Er unterrichtet behinderte Kinder im Krankenhaus von Ste. Musse in Toulon. Paul wird ihm wieder begegnen, wenn er die Wellen entlang humpelt. Ein Auto stößt ihn nieder, während er mit dem Rad zu den Behinderten ins Krankenhaus fährt. Die Wirbelsäule ist eingeknickt. Er wird entlassen, weil er sich nicht impfen lässt. “Du bist lang weg gewesen,” sagt Marie, als Paul ihr in die Küche zuruft:

Ich bin da. “Statt einer Stunde bist du zwei gelaufen. Das Telefon hast du auch nicht mitgenommen.” Paul will sagen, ich war mit dem Lehrer, Marie schiebt ihn schon auf die Terrasse. “Frühstück ist fertig. Wir müssen uns beeilen. Ich muss noch einkaufen und kochen.”

“Du riechst gut, Marie. Ich gehe einkaufen.” 15„Ich muss es selber machen. Du weißt nicht, was ich brauche. Du hast keinen Blick für die Sachen. Wer nicht kochen kann, darf nicht einkaufen.“ Paul schiebt sein Rad aus der Garage, während die Nachbarn aus ihren

Autos winken, ihm “Bon Courage” zurufen. “Bevor wir Mittagessen, will ich wissen, wem ich in der Stadt begegne.” Sein erster Halt ist der kleine Buchladen an der Ecke der Avenue des Iles d'Or und der rue Maréchal Galiéni, vor dem Square Stalingrad. „Mir ist nie langweilig,“ begrüßt ihn die grauhaarige Buchhändlerin. „Gestern war ich nicht im Laden. Ich habe zu Hause für meine Freunde gekocht. Sie haben gesagt, dass es sehr gut schmeckt“. Paul überlegt. “Schade, dass kein Buch von mir daliegt. Unter all' den

Romanen hätte auch meiner Platz. Warum haben ihn die Verlage nicht

angenommen? Einen Vormittag lang bin ich an einem Tischchen hier

gesessen. Der Dichter und ich haben unseren Dialog vorgestellt Wir haben

sogar ein paar Exemplare verkauft.” Paul geht aus der Buchhandlung. Er stößt mit einer Erscheinung zusammen. Sie trägt eine weiße Hose, eine weiße Jacke, einen weißen Schlapphut, einen weißen Blindenstock. Sie zieht einen Einkaufswagen. Die großen Sonnenbrillen erschrecken. Paul stammelt “Pardon” schwingt sich aufs Rad. „ Merkwürdige Erscheinung,“ überlegt er. „ Warum stoße

ich mit ihr zusammen, vor der Buchhandlung ?“ Vor dem “Café Excelsior” stellt er das Rad ab. Er geht auf den jungen Mann zu, den er Energie Auflader nennt. Er formt seit 20 Jahren in der kleinen Boutique unter den Bögen Scheiben aus Ton, die er mit eigener Energie auflädt, mit eigenen Honigwaben und Propolis verkauft.

Der Auflader strahlt. „Ich komme mit vier/fünf Stunden Schlaf aus. Am Ende des Tages fehlen mir vier/fünf Stunden, um noch alles zu machen, was ich will.“ Wie jeder Tag ist auch heute ein Ausnahmetag, der am frühen Vormittag wolkenlos, am späteren leicht bewölkt ist. Auf dem Sandplatz vor der Stadtbibliothek, Place de Noailles, unter dem neuen Plastikdach, werfen alte Männer, wenige Frauen, schwere Stahlkugeln gezielt einem Holzkügelchen zu, um es zu berühren. Das Spiel heißt “Boules” oder “Petanque”. Die kunstvollen Schübe und Würfe sind wie die Schwünge des Chi Gong Meisters und seiner Frau, die Phil, der gleich zu Wort

kommen wird, aufnehmen werden.